So fremd wie wir Menschen: Sandra Hoffmann diskutiert mit Schülern

Seit fast zwei Jahren ist die sogenannte Flüchtlingskrise ein zentrales gesellschaftliches Thema. Auch das Literaturportal Bayern beteiligt sich mit mehreren Projekten: 2015 war es Kooperationspartner der Buchpublikation Fremd, einer Anthologie gegen Fremdenfeindlichkeit, es hat zudem etliche Lesungen veranstaltet und unterstützt das Aktionsbündnis Wir machen das. Nun geht es noch einen Schritt weiter, oder eher: tiefer, bis an die Graswurzeln der Gesellschaft, hinein in die Schulen. Die Reihe So fremd wie wir Menschen setzt auf Lesungen und Diskussionen nicht nur mit Erwachsenen und Tonangebern, die ihre festen Meinungen oft schon haben, sondern mit Heranwachsenden, mit Schülerinnen und Schülern, die von dem Flüchtlingsthema mindestens ebenso betroffen sind und ganz eigene Erfahrungen und Blickwinkel darauf haben. Die Schullesereihe möchte mit Jugendlichen aus allen Schultypen Texte lesen, die aktuelle Situation diskutieren, über Hoffnungen und Ängste sprechen – und Anregungen zum eigenen kreativen Umgang damit bieten. Unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst fand am 25. Juli 2016 an der Joseph-von-Fraunhofer-Realschule in München der Auftakt statt. Die zweite Lesung schloss sich am 22. November 2016 in der Mittelschule an der Wittelsbacherstraße in Germering an: Sandra Hoffmann und Fridolin Schley sprachen mit den Schülern über Fluchtursachen, Fremdheit und die Geschichten von Geflüchteten.

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Kurz nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten, der auch mit fremdenfeindlichen Parolen und dem strengen Umgang mit Einwanderern erfolgreich für sich geworben hat, stellt man sich in Europa vielerorts die Frage, wie das passieren konnte. Doch auch hier zeigen sich immer deutlicher der Machtgewinn nationaler und nationalistischer Parteien und Gruppierungen, die wachsende Angst vor islamistischem Terror – oder allgemeiner vor „dem Fremden“ oder „den Fremden“ – und ein abweisender und härter werdender Umgang mit Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund. In Deutschland sind das Erstarken der AfD, die Proteste von PEGIDA und andauernde Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte oder Moscheen erschreckende Zeichen dieser fremdenfeindlichen Entwicklungen.

Auch für die Schülerinnen und Schüler der zwei neunten Klassen, in denen Sandra Hoffmann und Fridolin Schley in Germering zu Gast waren, hängen diese sozialen und politischen Erscheinungen zusammen. Sie erkennen, das wurde in den Gesprächen deutlich, zwar die Angst, wollen aber mehrheitlich das Unbekannte nicht als Bedrohung verstehen, sondern als Möglichkeit, etwas Fremdes zu entdecken und Neues zu lernen. An den ersten Text, den die Autorin Sandra Hoffmann vortrug, konnten sie so gut anknüpfen.

In der Geschichte mit dem Titel Wo du stehst berichtet die Autorin von ihren Besuchen bei Sinti und Roma in Albanien, von der Armut, in der die Menschen dort leben, von der Ausgrenzung und Diskriminierung, die sie erfahren, und dem eigenen „Standpunkt“ als Besucherin, der sich durch die Erfahrungen vor Ort plötzlich zwiespältig anfühlt.

 

Darauf kommt es an, wo du stehst.

Wo du hineingeboren wirst, wer deine Mutter ist, wer dein Vater.

Nichts hast du dir ausgesucht, und dann stehst du da.

Und genau darauf kommt es an. [...]

 

Dass es auch in Europa oder ganz in unserer Nähe, wie eben beispielsweise in Albanien, Krisen, Konflikte und Diskriminierung und damit auch Menschen gibt, die alles, ihre Heimat, ihr Haus und ihr ganzes Hab und Gut dafür geben würden, in Deutschland leben zu dürfen, wird angesichts der vermeintlich omnipräsenten Debatte, die über Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan oder den Krisengebieten in Afrika geführt wird, oft vergessen. Kurz vor ihrer Reise hatte die deutsche Regierung Albanien zu einem sicheren Herkunftsland erklärt, berichtete Sandra Hoffmann. Das bedeutet, dass die albanischen Roma, die in ihrer Heimat missachtet und ausgrenzt werden und deshalb ohne Zugang zu Arbeit und Bildung und sogar ohne Wasser und Strom leben müssen, fast keine Chance haben, in Deutschland Asyl zu erhalten.

Die Schülerinnen und Schüler der beiden neunten Klassen empfanden das als ungerecht. Sie plädierten für mehr Menschlichkeit und genaueres Hinsehen; egal, wo man herkommt, man sollte, wenn man verfolgt wird und unter solch widrigen Bedingungen leben muss, Hilfe erhalten: „Wir sind alle Menschen. Und Menschen müssen sich gegenseitig helfen, ob das jetzt gerade bequem ist oder nicht.“ Auf die Frage, wie sich die Situation, die in der Erzählung wiedergegeben wird, für sie anfühle und welche Perspektiven sie für die Menschen vor Ort sähen, zeichneten die Reaktionen der Schüler ein zwiespältiges Bild: Einige sprachen sich dafür aus, im eigenen Land zu bleiben und zu versuchen, die Situation durch Bildung und harte Arbeit zu verbessern. Andere konnten gut verstehen, dass sich die Unterdrückten oft für das Verlassen der Heimat und die Flucht entscheiden, selbst wenn diese hart und entbehrungsvoll ist und noch dazu kaum Aussicht auf Erfolg hat.

 

 

Von einer „geglückten“ Flucht (wenn man von so etwas überhaupt sprechen kann) berichtet Fridolin Schley in seiner Erzählung Die Ungesichter. Für die Schülerinnen und Schüler las er einen Auszug daraus. Die Geschichte handelt von Amal aus Somalia und beruht auf einer realen Fluchterfahrung. Als junges Mädchen wird Amal von Kämpfern der Al-Shabaab-Miliz entführt und gefangen gehalten. Um der Qual zu entgehen, flüchtet sie aus dem Lager und begibt sich auf einen langen, harten Weg, der sie schließlich bis nach München führt, wo sie auch heute noch lebt. Die Alpträume und Verletzungen aus ihrer Vergangenheit sind damit aber noch lange nicht überwunden.

 

Später scheint es fast so, aber die Veränderungen kommen nicht über Nacht wie ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt, sondern allmählich, über einen längeren Zeitraum, all die Vorschriften und Verbote, die Patronenmänner, die Gewalt und die Toten, was manches noch schwerer zu verstehen macht – [...]

 

Auch für die Schülerinnen und Schüler der beiden neuten Klassen sind Flucht und Migration keine unbekannten Themen, über die Hälfte der anwesenden Jugendlichen hat selbst einen Migrationshintergrund, und auch Flüchtlinge werden an der Wittelsbacher Mittelschule unterrichtet. Lehrkräfte wie Schüler legen dabei großen Wert auf Sozialkompetenz und Integration: Keiner soll allein gelassen werden oder sich ausgeschlossen fühlen. Diskriminierung und Ausgrenzung haben die Schülerinnen und Schüler oft schon am eigenen Leib erfahren. In ihrer Klasse und an ihrer Schule sollen andere diese Erfahrungen nicht machen müssen. Durch ihre eigenen Erlebnisse konnten die Jugendlichen die Themen, die Sandra Hoffmann und Fridolin Schley in ihren Texten behandeln, differenziert und emphatisch diskutieren und nicht zuletzt auch dank der großen Offenheit der Wittelsbacher Mittelschule für gesellschaftlich wichtige Themen, die nicht direkt im Lehrplan stehen, und der tollen Vorbereitung und Anteilnahme durch die betreuenden Lehrkräfte Maike Neidhardt, Christine Tako, Christian Rupp und Schulleiterin Sigrid Stohl.

Zum Abschluss sollten die Schüler aber auch noch einmal selbst literarisch aktiv werden. Bei einer kleinen Übung zum kreativen Schreiben wurde viel gelacht, und die Jugendlichen waren mit Begeisterung dabei; immer mehr wollten am Ende ihre Texte vorlesen. Die beiden Autoren durften sie am Ende als Andenken mitnehmen